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Nachlese "Helevtia predigt"

3. August 2021 Von: Iva Boutellier

Unter diesem Titel veröffentlichen wir hier jeweils die Predigt des vergangenen Sonntags.

Predigtgedanken von Iva Boutellier am 1. August 2021 in St. Maria, Luzern

"Helvetia predigt"

Evangeliumstext Matthäus 7,24-27

(nach einer Idee von Moni Egger)

Das Bildwort von den zwei Häusern, dem Sturm und den Wassermassen hat, liebe Christinnen und Christen, in den letzten Wochen eine ungeahnte und traurige Aktualität bekommen. Es stellt die Frage nach den Fundamenten: den ganz realen und denen unseres Lebens. Worauf bauen wir?

Bergpredigt Jesu als Fundament

Die eben gehörten Verse des Evangeliums stehen am Ende der Bergpredigt – vor und nach dieser langen Rede zieht Jesus in Galiläa umher und heilt die Menschen. Er belehrt also nicht nur, er handelt, ganz konkret. In der Bergpredigt benennt er das Fundament seines Handelns und legt uns nahe, ihm auch darin zu folgen. Denn, so heisst es: «wer dieses Wort», also das Wort der Bergpredigt, «hört und danach handelt» hat ein festes Fundament für sein Lebenshaus. Wer die Bergpredigt ernst nimmt, nimmt aber auch ernst, dass die Armen, die Trauernden, die nach Gerechtigkeit Suchenden selig sind, dass die Gebote Gottes ernst gemeint sind, dass hören und handeln unbedingt zusammen gehören.

Handeln als tragendes Fundament

Unbedingt: denn die wörtlichen Wiederholungen um die beiden Häuser machen den Unterschied am Ende nachdrücklich deutlich: das eine Haus hält, das andere zerfällt.

Dass Häuser durch Flut und Überschwemmung weggespült werden können, ist damals und leider auch heute wieder eine reale Erfahrung. Die Menschen um Jesus und wir heute wieder wissen also, wie wichtig ein stabiler Baugrund, ein festes Fundament für unsere Häuser ist. Mit dem drastischen Bild will Jesus am Schluss der Bergpredigt auch klar machen: Es genügt nicht, zu wissen, was eigentlich getan werden müsste – man muss auch entsprechend handeln. Beim Häuserbau damals und heute, im Leben, der Politik und Gesellschaft damals und heute.

Frauenstimmrecht als Fundament

Das können wir auch auf heute übertragen, auf Helvetias Töchter. Seit fünfzig Jahren sind Frauen in der Schweiz politisch mit den Männern gleichberechtigt. Zumindest haben sie seit fünfzig Jahren das Stimm- und Wahlrecht. Seit immerhin vierzig Jahren steht der sogenannte Gleichstellungsartikel in der Verfassung. Dort bleibt er aber toter Buchstabe, wenn nichts oder zu wenig getan wird, dass Gleichstellung, Gleichberechtigung sich auch tatsächlich im Leben zeigt.

So lange Frauen aufgrund ihres Geschlechts und ihrer sozialen Stellung weniger verdienen, häufiger arm werden, steht unser Haus auf Sand. Solange Frauen den Hauptteil der unbezahlten Care-Arbeit leisten, so lange ihre Stimme weniger gehört, ihre Körper als Ware oder Lustobjekt gesehen werden, so lange Frauen und ihre Taten und Errungenschaften verschwiegen werden … so lange steht unser Haus auf Sand.

Denn, so steht es gleich zu Beginn unserer Schweizer Verfassung: Das Wohl des Volkes misst sich am Wohl der Schwachen. So lange die Hälfte der Bevölkerung qua Geschlecht zu Schwachen gemacht wird, so lange steht das Schweizer Haus auf unstabilem Grund.

Verfassung als Fundament

Für unseren Staat ist die Verfassung das Fundament, der feste Grund, auf dem die Schweiz steht. Sie ist eine politische Absichtserklärung, doch die Präambel lässt sich gut direkt in der Fortsetzung der Bergpredigt lesen. Sie lautet:

Im Namen Gottes des Allmächtigen!
Das Schweizervolk und die Kantone,

  • in der Verantwortung gegenüber der Schöpfung,
  • im Bestreben, den Bund zu erneuern, um Freiheit und Demokratie, Unabhängigkeit und Frieden in Solidarität und Offenheit gegenüber der Welt zu stärken,
  • im Willen, in gegenseitiger Rücksichtnahme und Achtung ihre Vielfalt in der Einheit zu leben,
  • im Bewusstsein der gemeinsamen Errungenschaften und der Verantwortung gegenüber den künftigen Generationen,
  • gewiss, dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht, und dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen,

gibt sich folgende Verfassung.

Hier klingt vieles an, was auch in der Bergpredigt benannt ist.

Gott als Fundament

Der Beginn: "Im Namen Gottes, des Allmächtigen!"

Ja, eigentlich mag ich das Bild des allmächtigen Gottes nicht wirklich. Dennoch stimmt es hier: Wenn die Verfassung so beginnt, dann ist klar, wo der eigentliche Massstab, die eigentliche Macht ist. Es ist nicht eine Regierung, nicht eine Partei, nicht einmal das Volk. Wir alle in der Gesellschaft schalten und walten nicht im luftleeren Raum, sondern immer im Angesicht Gottes – dessen sollen wir uns immer bewusst sein.

Schöpfung als Fundament

Und, wie es weiter heisst: "in der Verantwortung gegenüber der Schöpfung."

Unser Tun und Lassen wirkt sich aus auf unsere Lebenswelt. Wir sind verantwortlich dafür, dass wir unser Lebenshaus eben nicht auf Sand bauen, indem wir die natürlichen Ressourcen zerstören und auf Kosten anderer Menschen leben. Es wird uns in letzter Zeit drastisch aufgezeigt, was geschieht, wenn wir diese Verantwortung vernachlässigen!

Gutes Leben für alle als Fundament

Und im Ton einer weltlichen Bergpredigt fährt die Präambel dann fort: "im Bestreben, den Bund zu erneuern, um Freiheit und Demokratie, Unabhängigkeit und Frieden in Solidarität und Offenheit gegenüber der Welt zu stärken, im Willen, in gegenseitiger Rücksichtnahme und Achtung ihre Vielfalt in der Einheit zu leben, im Bewusstsein der gemeinsamen Errungenschaften und der Verantwortung gegenüber den künftigen Generationen."

Ja, darum geht es, um ein gutes Leben für uns alle, aber auch für die Generationen nach uns. Wenn wir heute wider besseres Wissen unser Lebenshaus auf Ungerechtigkeit und Ausbeutung von Natur und Menschen bauen, dann fällt das Haus unserer Kinder und Kindeskinder zusammen.

Freies Handeln als Fundament

Dabei müssen wir uns aber gewiss sein, wie es in der Präambel heisst: «dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht,"

Da ist es wieder, das Tun. Es genügt nicht, um die eigene Freiheit zu wissen, sich frei zu glauben. Nur wer entsprechend handelt, ist wirklich frei. Frei, nicht etwa zu noch grösserer Selbstbefriedigung, sondern – das macht der nächste Satz gleich deutlich – frei, sich für das Wohl aller einzusetzen, denn «die Stärke des Volkes misst sich am Wohl der Schwachen,"

Das Wohl der Schwachen als Fundament

Hier schliesst sich der Kreis zur Bergpredigt. Denn da steht das Wohl der Schwachen mit den Seligpreisungen ganz am Anfang. Selig die Armen, die Verfolgten, die Traurigen. Auch unsere Verfassung stellt das Wohl der Schwachen als Voraussetzung für die Stärke aller in den Vordergrund.

Aber die Worte der Präambel allein genügen nicht. Der aktive Einsatz für ein gutes, freies, gelingendes Leben für alle Menschen ist unser Auftrag seit biblischer Zeit bis heute – festgehalten auch in unserer Verfassung.

Denn Wasserfluten bedrohen unser Lebenshaus heute noch: die Fluten des Unrechts, der Diskriminierung von Frauen und Minderheiten, Sexismus und Rassismus, die Ausbeutung und Unterdrückung von Menschen, die Rücksichtslosigkeit der Schöpfung gegenüber. Noch zu oft sind unsere Frühwarnsysteme ausgeschaltet, verschliessen wir die Augen, auch wenn wir es eigentlich schon wüssten …

Gottes Wort Tun als Fundament

Der feste Grund für unser Lebenshaus sind die Worte und Gebote Gottes, die wir in unserem Herzen, auf unserer Stirn, in unseren Händen tragen sollen, die uns Segen bringen, wenn wir uns für sie entscheiden – nichts anderes sagt eigentlich auch Jesus in der Bergpredigt. Er spitzt die Aussage des Buches Deutronomium aber zu: nicht nur im Herzen tragen – sondern hören und auch tatsächlich tun, als Christinnen und Christen in und für Staat und Gesellschaft, als Männer und Frauen füreinander und miteinander, zum Wohle der Menschen und zum Lob Gottes.

Iva Boutellier
Theologin und Tochter Helvetias

 

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