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Der gemeinsame Weg

22. November 2021 Von: Anna Graf

Papst Franziskus legt die Hand ans Ohr: Im Rahmen des Synodalen Prozesses sind Menschen weltweit eingeladen, ihren Eindruck von der Katholischen Kirche mitzuteilen. Am 17. November haben sich Interessierte aus allen Pfarreien der Stadt Luzern im Pfarreissaal St. Michael eingefunden, um Bischof Gmür und Papst Franziskus per Onlineumfrage ihre Meinung zu sagen.

Mittwochabend, 18:40 Uhr. Die ersten Gäste trudeln im Pfarreisaal St. Michael ein. Man kommt ins Gespräch: „Wie geht’s deiner Schwester?“ „Du hast doch auch beim letzten Theaterspiel mitgemacht, nicht?“ Neugierige Blicke schweifen durch den Saal. Im Raum sind zehn Tische aufgestellt: Ein Tisch für jedes Themenfeld der Onlineumfrage zur Katholischen Kirche, die bis zum 30. November auf www.wir-sind-ohr.ch aufgeschaltet war. Tisch Nummer eins behandelt das Thema Weggefährten. „Wenn wir von unserer Kirche sprechen, wer gehört aus Ihrer Sicht zu unserer Kirche, welche Menschen, welche Gruppen?“, wird etwa gefragt. Bei Tisch Nummer vier dreht sich alles ums Feiern, Tisch Nummer acht untersucht das Themenfeld Autorität und Teilnahme. Den Fragekatalog haben Spurgruppen der Bistümer Basel, Chur und St. Gallen aufgrund einer Vorlage des Vatikans erarbeitet – alles im Rahmen des von Papst Franziskus ausgerufenen synodalen Prozesses. „Gemeinsamer Weg“ lautet die deutsche Übersetzung des griechischen Wortes „synodal“. Kirchenliebhaber und Skeptikerinnen, Glaubende und Zweifelnde waren zum Ausfüllen der Umfrage eingeladen, die später im Bistum und anschliessend im Vatikan diskutiert wird. „Ich habe gemischte Gefühle der Kirche gegenüber. Aber man kann ja nicht nur meckern und dann nichts machen“, begründet einer der Besucher im Pfarreisaal St. Michael seine Teilnahme.

Die Stimme erheben

Das Durchschnittsalter der Anwesenden ist eher hoch; unter die rund 20-köpfige Gruppe mischen sich aber nach und nach ein paar junge Gesichter. Iva Boutellier, Mitglied der Synode und Urs Brunner, Co-Pfarreileiter St. Anton - St. Michael begrüssen die Anwesenden. „Wenn uns schon Papst und Bischof lauschen, wollen wir ihnen auch etwas zu hören geben. Erheben wir unsere Stimme“, sagt Iva Boutellier. Nun geht es an die Themenwahl: Die Umfrage kann nur in Gruppen von mindestens fünf Personen ausgefüllt werden – auf diese Weise möchte das Bistum den gemeinsamen Austausch fördern. Einige nehmen sich einen Kugelschreiber zur Hand, kreisen ihre Prioritäten unter den zehn Themenfeldern ein. Am Ende können vier Gruppen gebildet werden. Eine davon behandelt Thema Nummer zwei: Zuhören. „In meiner Pfarrei fühle ich mich gehört. Dort kann ich meine Ideen einbringen“, sagt eine Pfarreiangestellte. „Ich möchte gar nicht Pfarrerin sein. Aber ich frage mich schon, warum Frauen in der Kirche nicht mehr eingebunden werden.“ Ein ehemaliger Angestellter der Geschäftsstelle der Katholischen Kirche Stadt Luzern pflichtet ihr bei: „Hier müsste auch Bischof Gmür mehr machen. Er hielt schon Predigten, da hätte ich am liebsten geklatscht. Aber beim Umsetzen vom Wort in die Tat bleibt er mir zu vage.“ Die Runde ist sich einig: Im Kleinen, in einzelnen Pfarreien, hat die Katholische Kirche einen Platz zum Zuhören und Gehörtwerden geschaffen. Im Grossen, als Institution, hingegen weniger. Ähnlich sieht es die nächste Diskussionsgruppe bei Themenfeld zehn – sich in der Synodalität bilden. «Viele engagierte Menschen möchten Dinge in der Kirche verändern, aber ihnen werden von höherer Stelle Hindernisse in den Weg gelegt», sagt ein Pfarreileiter. Er spricht von der Kirche als Laufgitter: «Kein Wunder, dass ein Kind darüber springt, sobald es gross genug ist.»

Wunsch zur Veränderung

Die meisten Anwesenden sind selbst in der Kirche engagiert: als Pfarreirätin, Kirchenrat, Katechetin oder Kirchenchorsänger. Wer der Kirche bereits den Rücken zugekehrt hat, blieb auch heute Zuhause. Kritik gibt es trotzdem – oder gerade deshalb. Die Gespräche sind angeregt, immer wieder ist auch Gelächter zu hören. Um halb zehn Uhr hat jede Gruppe höchstens zwei Themenfelder behandelt, eine Gruppe sogar nur eines. „Bei solch spannenden Gesprächen vergeht die Zeit schnell“, meint eine Teilnehmerin. Sie ist zufrieden mit dem Abend, steht dem weiteren synodalen Prozess aber kritisch gegenüber. Die eingereichten Antworten werden bis im Januar vom unabhängigen Meinungsforschungsinstitut gfs in Bern ausgewertet und anschliessend an die Schweizer Bischöfe weitergeleitet. „Wieviel sich dann tatsächlich in Bistum und Vatikan ändert, wird sich zeigen.“

Anna Graf

Weitere Infos zum Synodalen Prozess: www.wir-sind-ohr.ch

 

 

 

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