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«Bibel des Monats»: Israelitische Bibel von Rabbi Ludwig Philippson

13. Januar 2021 Von: Winfried Bader

Die große kulturelle Integration des Judentums in die deutschsprachige Gesellschaft im 19. Jahrhundert zeigt sich nicht zuletzt in den Übertragungen der Hebräischen Bibel ins Deutsche durch jüdische Rabbinen. Erst im 21. Jahrhundert wird dieses verlorengegangene Erbe wieder zugänglich.

Die Tora. Die fünf Bücher Mose und die Prophetenlesungen ● Die Propheten ● Die Schriften, (hebräisch-deutsch) in der revidierten Übersetzung von Rabbinger Ludwig Philippson, herausgegeben von Walter Homolka, Hanna Liss und Rüdiger Liwak, Darmstadt 2015, 2016 und 2018.

Eine Bibel, die man «von hinten» aufblättert

Das gesamte zweisprachige Druckwerk – obwohl es hauptsächlich wegen der Übersetzung gemacht ist – hält sich an die hebräische Schreibkonvention von rechts nach links. Das Deckblatt des Einbands ist «hinten». Man nimmt das Buch und schlägt den Deckel nach rechts auf. Hier – für unser Empfinden «hinten» im Buch – findet sich der Titel und beginnt die Zählung der Seiten bei 1 (beachten Sie die Seitennummerierung). Auch bei der nur in Deutsch geschriebenen Einführung ist jeweils zuerst die rechte Seite zu lesen, dann die linke, um danach die Seite nach rechts umzuschlagen.

Eine Bibel – drei Bände

Wegen des grossen Umfangs des Werks waren mehrere Bände notwendig. Es fällt auf, dass diese sehr unterschiedlich dick ausgefallen sind. Die Dreiteilung ist also nicht buchbinderischer Zufall, sondern folgt der inneren Logik des Aufbaus der hebräischen Bibel in drei Teile:

Der erste Teil ist die Tora, die fünf Bücher Mose. Der zweite Teil sind die Nebi’im, zu Deutsch: Propheten. Zu ihnen gehören die in christlichen Bibeln Geschichtsbücher genannten Teile sowie die bekannten Propheten Jesaja, Jeremia, Ezechiel und das Zwölfprophetenbuch. Diese sind in christlichen Bibeln ans Ende des Ersten Testaments platziert, um auf das Neue Testament hinzuweisen. In der jüdischen Tradition sind sie eng verbunden mit der Tora, blicken auf diese, legen sie aus und aktualisieren sie in die Zeit hinein. Deswegen stehen die Prophetenbücher unmittelbar nach der Tora.

Der dritte Teil sind die Schriften, ein Sammelbegriff für alles Sonstige. Nimmt man die Anfangsbuchstaben der Namen dieser drei Teile aus dem Hebräischen, Tora – Nebi’im – Ketubim, und liest sie als ein Wort «TaNaK», so hat man den Begriff, mit dem jüdische Menschen gerne ihre Bibel bezeichnen.

Jüdische Übersetzungen in die Landessprache: Ein Aufbruch

Ähnlich wie in der christlichen Reformationszeit die Zugänglichkeit der Bibel in der Landessprache zu einem grossen Aufbruch wurde, ist es auch mit den Bibelübersetzungen jüdischer Gelehrter seit dem 18. Jahrhundert, besonders dann im 19. Jahrhundert. Folgerichtig gründete Rabbi Philippson 1859 dem christlichen Vorbild entsprechend eine «Israelitische Bibelanstalt», die zur «Herstellung und Verbreitung wohlfeiler Bibeln» dienen sollte, zu einem Preis, den sich alle leisten konnten: «Der blosse hebräische Text ist in unserer Zeit nicht genügend, und die blosse Übersetzung wiederum nicht zweckentsprechend. Text und Übersetzung zugleich ist das allgemeinste Bedürfnis. Aber diesem Bedürfnis muss so abgeholfen werden, dass es den Armen weder Opfer kostet, die Bibel zu kaufen, noch Mühe und Schwierigkeiten macht, sie erlangen zu können.»

Bibelkommentierung als ökumenischer Dialog

Rabbi Philippson ist in seiner Kommentierung sehr offen. Er sagt, und tut es auch, dass neben den Rabbinen die Erkenntnis von Naturwissenschaft, Geschichtswissenschaft, Geographie und Archäologie berücksichtig werden müssen, und natürlich auch die Forschungen christlicher Theolog*innen und Bibelwissenschaftler*innen. «Das Judentum ist als Träger des ethischen Monotheismus Leitbild für die Umweltkulturen in der Vergangenheit ebenso wie in der Gegenwart. … Die universale Aufgabe Israels in der Welt ist es, … die Ideale der Sittlichkeit, der Humanität und der Nächstenliebe zu verbreiten.»

Schicksal der Geschichte ist es, dass christlicherseits dieser universale ökumenische Aufbruch nicht mitgemacht wurde, sondern gerade die führenden christlichen Gelehrten zu einem Antisemitismus beitrugen, der fatal in der Shoa endete. So ist die Neuedition von Rabbi Philippsons Bibel die Hoffnung, dass im 21. Jahrhundert die Kluft überwunden werden kann und der gemeinsame ethische Universalismus Anerkennung findet.

Winfried Bader

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Die in der Vitrine am linken Seitenaltar im Januar gezeigte Bibelausgabe ist Teil der Bibelsammlung von Winfried Bader im Pfarrhaus der Franziskanerkirche, Franziskanerplatz 1.
Eine Besichtigung der Bibelsammlung für einzelne oder kleine Gruppen auf Anfrage.
Für Gruppen von 4-8 Personen wird auf Anfrage auch ein Event «Whisky&Bible» angeboten.

Auskünfte zu Besichtigung und Event per Email: winfried.bader@kathluzern.ch

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